Okno
Experimental film (excerpt) 16mm transferred to HD-Video, 19:07 min., b/w, silent
Foto: private, Şirin Şimşek
Okno
Überall Zeichen des Wandels, der Veränderung, des Zerfalls. Ein auffliegender Vogelschwarm über wehenden Blättern im herbstlichen Park, verwachsene Buchstaben, geritzt in die Rinde von Bäumen, lose Fetzen eines Werbeplakats, verfallene Kirchen und alternde Monumente. Das ganz Große und das ganz Kleine dienen in Judith Röders Film „Okno“ gleichermaßen als Zeugen vergangener Zeiten und tragen noch sichtbar die Spuren einer zurückliegenden Gegenwart in sich. Vieles, das sehr leicht zu übersehen wäre und sich erst durch Röders stumme, schwarzweiße und präzise komponierte Bilder sukzessive enthüllt.
Das Verrinnen der Zeit ist dabei nicht nur zentrales Thema der Aufnahmen, sondern auch Teil des Prozesses, der sie hervorbringt. Denn die Orte von Röders Aufnahmen werden nicht zielgerichtet angesteuert, sondern schlendernd und über Umwege gefunden, da sie nicht nur im Raum, sondern auch in einer jeweils spezifischen Zeit verortet sind. Sich ändernde Wetter- und Lichtverhältnisse, der Wechsel der Jahreszeiten aber auch die an- und abschwellende Dynamik der Stadt bedingen einen kontinuierlichen Wandel des Sichtbaren. Während Röder mit ihrem Stativ und einer Bolex 16mm-Kamera durch die Umgebung streift spürt sie diesen Veränderungen nach und ist gleichzeitig auf der Suche nach einer schwer vorhersagbaren Synchronizität zwischen äußerer Stimmung und innerer Verfasstheit, die es braucht, um ein Bild entstehen zu lassen, das sich dem permanenten Fluss vorbeirauschender Wahrnehmung widersetzt. Diese Momente umgibt etwas nicht Greifbares und Judith Röders filmische Arbeit lässt sich als eine unablässige Suche nach diesen flüchtigen Augenblicken beschreiben. „Das Geschehen, das unwiederbringlich ist, wiederholbar machen“, so beschreibt sie es selbst.
Für die Arbeit „Okno“ durchstreift sie die Stadt Breslau und ihre Umgebung, die aufgrund ihrer bewegten politischen Geschichte angefüllt ist mit Einschreibungen unterschiedlichster kultureller und politischer Provenienz. Wir lesen deutsche Schrift auf alten Grabsteinen und verwitterten Häuserwänden, sehen ein Denkmal aus sowjetischer Zeit, entdecken verfallene, vor langer Zeit aufgegebenen Kirchen, allesamt Relikte vergangener Ordnungs- und Bezugssysteme. Judith Röder wird zur filmischen Archivarin dieser Hinterlassenschaften, die sie einer visuellen Analyse und optische Bestandsaufnahme unterzieht. 
Wir erkennen in den Bildern Spuren von Überschreibungen, von Prozessen des Verdrängens, wir entdecken Brüche und die scheinbar widersprüchliche Koexistenz von unterschiedlichen Entitäten. Der Blick auf das Vergangene ermöglicht uns, in die Zukunft zu schauen und wir ahnen, dass das jetzt Vorherrschende einst zum Peripheren werden wird. Es ist ein ruhiger, fast schon zeitloser Blick, der mühelos über mehrere Jahrzehnte und Generationen schweift und das Gezeigte in seiner gegenwärtigen Aufgeregtheit relativiert.
Judith Röders filmische Poesie gewinnt eine ganz eigene Kraft durch ihre Gabe, vielfältige Risse, Überlagerungen und Aussparungen in der Umgebung aufzuspüren und diese mit der Kamera für uns sichtbar zu machen. Durch ihre intuitive, ganz den eigenen Rhythmen folgende Arbeit des filmischen „Aufnehmens“ wird spürbar, dass zu all den großen kulturellen und politischen Einschreibungen in der Umgebung äquivalente Strukturen im Inneren existieren und so entwirft „Okno“ das dokumentarische Portrait einer äußeren Landschaft, der eine innere entspricht. 
Daniel Burkhardt
Back to Top